Der müde Baum

Er war es müde, immer an derselben Stelle zu stehen. Die Kraft, die sich jeden Herbst aus seinen Adern zurückzog, kam immer zögerlicher im Frühjahr zurück. Das Vogelpaar wartete wie jedes Jahr darauf, dass er ihnen mehr Behaglichkeit schenkte, und sie damit beginnen konnten, sich wieder einzurichten. Etwas schicker und moderner als die letzten Jahre sollte ihr Nest werden. „Auch das noch“, dachte er, „dafür bin ich nicht mehr der Richtige. Das müssen sie doch gemerkt haben.“

Schon viele Vogeljunge hatte er schlüpfen sehen. Nimmermüde und nimmersatt riefen sie nach ihren Eltern. Doch er hatte nicht mehr die Kraft für ihr Geschrei.

„Am besten wäre es, wenn ich erst gar nicht mehr austreibe“, murmelte er müde. Nur die Amsel hörte seine Worte und streichelte ein wenig mit ihrem Schnabel über den knorrigen Ast, auf dem sie saß. Dann flog sie davon.

Spätsommerduft

Spätsommerduft in Nüstern
wie warme Butter mit Honig und
Lavendelthymian

Hände streifen kitzelnd über hohe Ähren
Weizengoldfarben

Noch kriecht und wimmelt es
und noch flattert die Wäsche

Blätter torkeln schon
saftleer zu Boden

Spinnfäden werden eifrig gespannt
während die Tage sich früher der Nacht zuneigen

Gras kitzelt die Barfüße
in der Nachmittagssonne

Bald weichen Margeriten den Astern,
doch mit dir ist jede Jahreszeit schöner!

~ * ~

Ich sitze in einem Boot

Ich sitze in einem Boot, das mich trägt.
Das Boot folgt der Strömung, die niemals still steht.
Ich beobachte den Fluss, spüre Sonne, Regen und den Wind.
Das Gestern ist nicht mehr da, genauso wie das Morgen hinter einer Flussbiegung verborgen ist.
Ich kann nichts auf meiner Fahrt mitnehmen und habe doch immer alles, was ich brauche.

Ob die Menschen um mich herum sich „richtig“ oder „falsch“ verhalten oder verhalten haben, ändert nichts an mir und meinem Boot.
Ob ich das „Richtige“ oder „Falsche“ tue oder getan habe, ändert nichts an mir und meinem Boot.

Ich fließe mit dem Fluss, weil es meine Natur ist, eine andere gibt es nicht.
Ich kann die Fahrt weder beschleunigen noch anhalten.

Will ich die Führung eines anderen Bootes übernehmen oder den Menschen über seinen Kurs belehren, handle ich gegen die Natur, trenne mich also von meinem eigenen Boot, und spüre Schmerz.
Fange ich an, meine Fahrt oder die eines anderen Bootes  zu bewerten, spüre ich Schmerz.
Vergleiche ich mein Boot mit anderen, spüre ich Schmerz.
Je mehr ich diesen Gedanken Glauben schenke, desto tiefer wird mein Schmerz.
Ich kann, darf und muss alles und jeden in jedem Moment loslassen. Sträube ich mich dagegen, spüre ich Schmerz.

Die größte Entdeckung in meinem Leben ist, dass es keine Begrenzung gibt. Denn ich bin das Boot genauso wie der Fluss, das Ufer und die anderen Boote.

~ * ~

Friedensreiche Bierzwergerl

Im wunderschönen Hopfenland der Hallertau reckt im beschaulichen Städtchen Abensberg ein bunter Turm seine güldene Zwiebel-Krone in den weißblauen Himmel.

(Fotos: Suppenküche)

Mit diesem Bauwerk hat ein philosophieliebender Brauereibesitzer seinen Lebenstraum verwirklicht. Dessen Liebe zu den Zwergen hatte im Jahre 1999 den Friedensreichen Herrn Hundertwasser erweicht, der daraufhin einwilligte, denselbigen eine Bleibe zu schaffen.

So lebt der Geist des Künstlers in diesem Turme fort, webt Träume von Menschen, die einander achten und im Einklang mit der Natur leben, und gemahnt die Besucher, das Schöne zu sehen, das Wahre zu erkennen und Gutes zu tun.

Hmmm, so verkehrt ist das doch eigentlich gar nicht, gell!?

Und abgesehen davon, dass ich auch unter dem Baum der Erkenntnis unter der güldenen Zwiebelkrone saß, habe ich noch Folgendes gelernt, was zugegebenermaßen etwas profaner ist: „Bier is g’sund, solang man’s ned sauft“.

und Malz, Gott erhalt’s!