Danke, ich suche nur etwas ganz Einfaches

Da stand diese Frau an der Kleiderstange mit den einfarbigen Langarmshirts. Ich ordnete Pullis an einem Tisch gegenüber. Als ich sie bemerkte, machte sie einen verschlossenen und mürrischen Eindruck auf mich. Ich überlegte, ob ich sie überhaupt ansprechen sollte.

Auf meine Frage, ob ich ihr helfen könne, wandte sie sich mir zu und ich sah ihr ungeschminktes, natürliches, mit feinen Falten durchzogenes Gesicht. Ihr Gesichtsausdruck wurde offen und sie schenkte mir ein unglaublich warmes und echtes Lächeln, das mich berührte und mir direkt ins Herz ging . „Danke, ich suche nur etwas  ganz Einfaches“, sagte sie weiter lächelnd und hielt ein orangefarbenes Shirt in der Hand.

Ja, ich auch. Danach habe ich sie nicht mehr gesehen.

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Flamingofische

Aus meinen Ohren tropft süßer Honig, ich lasse ihn tropfen, wen soll es stören? Auf meinem Kopf ein Himbeerhut mit Stachelhaaren, wer sie berührt, wird elektrisiert. Flauschiges Himbeergarn mit bunten Perlen bestickt, die in der Sonne lächeln.

Sonnenstrahlen mäandern, ich schließe die Augen und folge blind dem Kaninchen, das sagt, es sei der Osterhase. Schnell hoppelt es, dass ich die Füße in die Hand nehmen muss und mein Kleid flattert.

Teppichwolken. Am Ende des Tunnels flutsche ich in eine riesige gummibootrote Rutsche und mache einen Looping. Kreische ich oder die Vögel?

Fliegende Flamingofische knabbern an meinen Zehen, bis ich mir vor Lachen die Seite halte.

„Halt! So geht das nicht“, rufe ich den Fischen zu und kitzle ihre Flossen, die davon wachsen und immer größer werden, als hätte ich den Zauber gefunden.

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(Bild: Suppenküche mithilfe von dreamlines)

Monotone Monologe

Dies ist die Zeit, in der der Karren im Dreck feststeckt. Im Januar gab es nicht mehr Glück als im Dezember. Nur mit Mühe fange ich meine eigene Laune immer wieder auf. Jeden Tag zum wiederholten Male. „Tu dir was Gutes, trink einen Tee, das wärmt, auf Tiefs folgen auch wieder Hochs, blablabla“ führe ich monotone Monologe. Dazwischen lache ich mit anderen. Auch Herzensdialoge,  die mir das Wichtigste sind, gelingen nicht so richtig.

Anderen geht es ähnlich, das Wetter zerrt an den Nerven, das Windiggrauenass mit nackten Ästen auf schmutzigbraunen Restwiesen trübt die eigene Sicht. Man soll im Moment leben, achtsam sein, Dinge finden, für die man dankbar ist, man soll sich nicht an negative Gedanken klammern, aber diese spirituellen Hilfen helfen nur kurz, wenn sich alles falsch anfühlt und alles feststeckt. Wenn man nichts tun kann, soll man alles Krampfhaft-Wollende loslassen, aber kann ich wirklich nichts tun?

Und der Teppich, unter den alles stillschweigend gekehrt wird, wird immer größer. Irgendwann klopfe ich ihn kräftig aus, setze ich mich darauf und fliege davon. Aber jetzt noch nicht. Wann ist endlich die richtige Zeit?

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Liebende

Wenn du einen Menschen liebst
liebe ihn ohne Schatten der Vergangenheit
– ohne deine und ohne seine –
sonst jagen und verhöhnen sie dich

Wenn zwei Liebende sich begegnen
sollen sie sich lieben
mit der Verzweiflung Ertrinkender
der Unschuld von Kindern
und der Gewissheit, dass der Andere
in diesem Moment der Erste und Letzte ist
den sie jemals geliebt haben
und jemals lieben werden

 

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