Papierboote

Papierboote falte ich eins nach dem anderen und setze sie vorsichtig in den Raschelbach. Wie im Entenmarsch. Habe ich eine Schicht vergessen? Viele Schichten übereinander ergeben ein Ganzes. Die Linie fehlt! Hast du sie? Hinter der Krümmung krümelt der Hase. Nachtkerzendickicht auf der Weide. Schemen und Schatten, sie lachen. Fratzen verschlingen neugeborene Hasen und spucken sie auf der anderen Seite wieder aus. Milchgesichter, aber nur verschwommen. Hasenpicken. Hört auf, rufe ich. Es ist ganz leicht. Sie lassen ab und grölen. Schicht um Schicht, Schleier um Schleier, was ist dahinter? Ganz hinten. Ich krame herum und zähle die Schiffchen nach. Meine Füße rascheln im Bach und lösen sich Schicht um Schicht auf. Die Linie bin ich. Uff!

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still-leben

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Die Laubkönige gibt es nicht mehr

Verschwunden sind die Laubkönige

die auf kurzen Beinen

ihr Königreich regierten

das Laub rascheln ließen

durcheinanderwirbelten

dass die Blätter nur so himmelwärts flogen

buntes nimmermüdes Treiben

Laubhaufen erklimmend

stolz Schubkarrenkutsche lenkend

gezogen von eifrigen, bald atemlosen Rössern

mit bebenden Nüstern

Laubkönige vor Vergnügen kreischend

Rösser anfeuerend

wangengerötet

einst Könige in ihrem Reich

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(Foto: Die verlassene Festung der Laubkönige)

Ich habe zwei Ateliers

Eins davon ist ein Loft in einer Großstadt mit einer riesigen Dachterrasse und Ausblick auf die ganze Stadt bzw. Lichtermeer in der Nacht. Ein einziger Raum ist Wohnung und Studio zugleich. Es gibt Champagner und sauteures Essen. Meine Bilder und Fotografien zieren die Wände. Auf Tischen und in Regalen stapeln sich Farben und Materialien aller Art. Ich male natürlich nur in Designer-Klamotten und -Schuhen, designe mega-angesagte T-Shirts, schlafe bis Mittag und arbeite bis spät in die Nacht…

… und wenn ich keine Lust mehr auf Urbanes habe, ziehe ich mich aufs Land zurück. In ländlicher Idylle liegt mein Haus umgeben von einem zauberhaften Garten mit duftenden Kräutern, Blumen und knorrigen Bäumen, eine in Stein gehauene Treppe führt direkt zum wildromantischen Strand an atemberaubender Küste. Hier leben mindestens zwei Hunde, Katzen, glückliche Hühner und Schafe. Es gibt frisch gebackenes Brot, Landwein, fangfrischen Fisch und immer einen großen Blumenstrauß in meinem Atelier, das ein wenig abseits von den anderen Räumen liegt…

… und im Moment wäre ich schon froh, wenn ich nicht immer meine ganzen Malsachen wegräumen müsste, weil sie sonst den Esstisch blockieren.

Früher war mehr Sommer

Früher war alles besser, auch der Sommer. In der guten alten Zeit waren die weisen alten faltigen Sommerweiblein für den Sommer zuständig, heute sind es die ‚Cosmic Summer Glow Girls“. Muss man sich da noch wundern…?

(‚Cosmic Summer Glow Girl‘ Bild: Suppenküche)

Ich sitze in einem Boot

Ich sitze in einem Boot, das mich trägt.
Das Boot folgt der Strömung, die niemals still steht.
Ich beobachte den Fluss, spüre Sonne, Regen und den Wind.
Das Gestern ist nicht mehr da, genauso wie das Morgen hinter einer Flussbiegung verborgen ist.
Ich kann nichts auf meiner Fahrt mitnehmen und habe doch immer alles, was ich brauche.

Ob die Menschen um mich herum sich „richtig“ oder „falsch“ verhalten oder verhalten haben, ändert nichts an mir und meinem Boot.
Ob ich das „Richtige“ oder „Falsche“ tue oder getan habe, ändert nichts an mir und meinem Boot.

Ich fließe mit dem Fluss, weil es meine Natur ist, eine andere gibt es nicht.
Ich kann die Fahrt weder beschleunigen noch anhalten.

Will ich die Führung eines anderen Bootes übernehmen oder den Menschen über seinen Kurs belehren, handle ich gegen die Natur, trenne mich also von meinem eigenen Boot, und spüre Schmerz.
Fange ich an, meine Fahrt oder die eines anderen Bootes  zu bewerten, spüre ich Schmerz.
Vergleiche ich mein Boot mit anderen, spüre ich Schmerz.
Je mehr ich diesen Gedanken Glauben schenke, desto tiefer wird mein Schmerz.
Ich kann, darf und muss alles und jeden in jedem Moment loslassen. Sträube ich mich dagegen, spüre ich Schmerz.

Die größte Entdeckung in meinem Leben ist, dass es keine Begrenzung gibt. Denn ich bin das Boot genauso wie der Fluss, das Ufer und die anderen Boote.

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Er war Musiker

Er war ein leidenschaftlicher Musiker und Musiklehrer, spielte und lehrte in erster Linie Gitarre und Klarinette.

Als junger Mann hatte er mit seiner Musikkapelle den Sommer über immer für ein paar Monate Engagements in der Schweiz. Die Herren trugen beim Auftritt Anzug und Hemd („Nehmen Sie grün, das hebt“, erzählt er noch heute gerne von der Empfehlung des damaligen Verkäufers mit jiddischem Akzent). Ein schöner Mann, den die Freundinnen seiner Tochter später anhimmeln sollten (was sie ziemlich eifersüchtig machte). Witze erzählt er auch heute noch leidenschaftlich gern, auch wenn wir sie alle schon viele, viele Male gehört haben.

Später war er sehr beliebt bei seinen Schülern an der städtischen Musikschule, von denen ihm einige selbst zum 75. Geburtstag noch ein Ständchen darbrachten, als er längst im Ruhestand war.

Sein Musiktalent hat er mir nicht vererbt, dafür ein bisschen Talent zum Zeichnen und Malen, das er wiederum von seinem Vater mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. „Stell dir vor, den Vater haben sie in den letzten Kriegstagen ’45 noch erschossen“, sagt der Opa, der wie so viele Buben ohne Vater aufwachsen musste. Die Mutter war sehr dominant, als ich klein war hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihr, gemocht habe ich sie nie.

Wenn es in seinem Leben an etwas mangelte, dann am ehesten an Durchsetzungskraft, gerne ging er den Weg des geringsten Widerstands.

Heute ist er alt und gebrechlich und seine Instrumente nimmt er schon lange nicht mehr in die Hand.

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