Der müde Baum

Er war es müde, immer an derselben Stelle zu stehen. Die Kraft, die sich jeden Herbst aus seinen Adern zurückzog, kam immer zögerlicher im Frühjahr zurück. Das Vogelpaar wartete wie jedes Jahr darauf, dass er ihnen mehr Behaglichkeit schenkte, und sie damit beginnen konnten, sich wieder einzurichten. Etwas schicker und moderner als die letzten Jahre sollte ihr Nest werden. „Auch das noch“, dachte er, „dafür bin ich nicht mehr der Richtige. Das müssen sie doch gemerkt haben.“

Schon viele Vogeljunge hatte er schlüpfen sehen. Nimmermüde und nimmersatt riefen sie nach ihren Eltern. Doch er hatte nicht mehr die Kraft für ihr Geschrei.

„Am besten wäre es, wenn ich erst gar nicht mehr austreibe“, murmelte er müde. Nur die Amsel hörte seine Worte und streichelte ein wenig mit ihrem Schnabel über den knorrigen Ast, auf dem sie saß. Dann flog sie davon.

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5 Kommentare zu “Der müde Baum

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