Er war Musiker

Er war ein leidenschaftlicher Musiker und Musiklehrer, spielte und lehrte in erster Linie Gitarre und Klarinette.

Als junger Mann hatte er mit seiner Musikkapelle den Sommer über immer für ein paar Monate Engagements in der Schweiz. Die Herren trugen beim Auftritt Anzug und Hemd („Nehmen Sie grün, das hebt“, erzählt er noch heute gerne von der Empfehlung des damaligen Verkäufers mit jiddischem Akzent). Ein schöner Mann, den die Freundinnen seiner Tochter später anhimmeln sollten (was sie ziemlich eifersüchtig machte). Witze erzählt er auch heute noch leidenschaftlich gern, auch wenn wir sie alle schon viele, viele Male gehört haben.

Später war er sehr beliebt bei seinen Schülern an der städtischen Musikschule, von denen ihm einige selbst zum 75. Geburtstag noch ein Ständchen darbrachten, als er längst im Ruhestand war.

Sein Musiktalent hat er mir nicht vererbt, dafür ein bisschen Talent zum Zeichnen und Malen, das er wiederum von seinem Vater mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. „Stell dir vor, den Vater haben sie in den letzten Kriegstagen ’45 noch erschossen“, sagt der Opa, der wie so viele Buben ohne Vater aufwachsen musste. Die Mutter war sehr dominant, als ich klein war hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihr, gemocht habe ich sie nie.

Wenn es in seinem Leben an etwas mangelte, dann am ehesten an Durchsetzungskraft, gerne ging er den Weg des geringsten Widerstands.

Heute ist er alt und gebrechlich und seine Instrumente nimmt er schon lange nicht mehr in die Hand.

~ * ~

Advertisements

10 Kommentare zu “Er war Musiker

  1. Wie kann dein Grossvater ein weisser Jahrgang bezüglich WWII-Walbwaisentum sein, wenn mein Vater einer war? Das würde ja 2 Teenagerschwangerschaften in Serie bedeuten… *kopkratz*

    • Das hast Du ganz richtig erkannt. Sowohl meine Oma als auch meine Mutter waren erst 17, als sie schwanger wurden. Diese Serie wollte ich keinesfalls wiederholen.

  2. Nun, die Kreativität hat er Dir also vererbt, das ist die eine schöne Seite. Die andere ist, dass er offensichtlich nicht „nur“ ein Musikkünstler, sondern auch ein Lebenskünstler war. Einer, dem man gerne zugehört hat bei seinen Geschichten, auch zum x-ten Mal. Vielleicht gibt es jemanden, der ihm jetzt vorspielt?

    • Lebenskünstler wäre meiner Ansicht nach zu viel gesagt. Leider hat er das Interesse an der Musik ganz verloren, mit 83 Jahren möchte er vor allem seine Ruhe haben. Ganz anders als der rüstige Rentner, der mich heute auf dem Friedhof angesprochen hat, weil er sich für meine Gangschaltung am Rad interessiert hat. Mein Opa hat leider gesundheitlich sehr stark abgebaut, worüber man sich in diesem Alter aber nicht nicht wirklich beklagen darf, denke ich.

      • Och, ich kenne Männer, die sind um einiges jünger und wollen auch schon nur ihre Ruhe haben. Das Interesse an etwas zu verlieren, das einem im Leben sehr viel bedeutet hat, ist traurig. Ich stelle mir vor, dass man dann vielleicht infrage stellt, was es einem wirklich wert war, wenn das Interesse verloren geht. Gerade gestern erzählte mir eine um etliche Jahre ältere Freundin, dass das ganze Gerede vom in Würde altern, einfach Quatsch wäre. Es wäre alles in allem anstrengend.

  3. Wie schön, dass dein Opa trotz Krieg, Hunger, Bomben und Angst noch so viel Freude und Leidenschaft für die Musik entwickeln konnte. Ich bin sicher, damit hat er ein schönes Leben mit vielen wunderbaren Erinnerungen gelebt. Es ist in Ordnung, wenn er nun mit 83 alles etwas langsamer angehen lässt. Selbst wenn er nun nicht mehr so aktiv ist, so kann er doch immer, wenn ihm danach ist, in seinen Erinnerunegn schwelgen.
    LG von Rosie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s