Die Bikinifigur

Wie wir alle wissen, ist die Bikinifigur für jede weibliche Person ab 14 Jahren in der Freiluftsaison Pflicht.
Besonders in öffentlichen Badeanstalten und an öffentlichen Badeseen gibt es strenge Kontrollen. Ist die Bikinifigur nicht nachzuweisen, wird dies mit einem Bußgeld geahndet. Das muss doch nicht sein! Führen Sie, sehr verehrte Damen, genauso wie ich, Ihre Bikinifigur stets mit sich.

Meine persönlich auf mich zugeschnittene Bikinfigur ist leicht gebräunt, hebt weibliche Reize durch die Sonnenmotive dezent hervor,  wurde selbstverständlich aus Recyclingmaterial hergestellt und ist aufblasbar.

Ich sitze in einem Boot

Ich sitze in einem Boot, das mich trägt.
Das Boot folgt der Strömung, die niemals still steht.
Ich beobachte den Fluss, spüre Sonne, Regen und den Wind.
Das Gestern ist nicht mehr da, genauso wie das Morgen hinter einer Flussbiegung verborgen ist.
Ich kann nichts auf meiner Fahrt mitnehmen und habe doch immer alles, was ich brauche.

Ob die Menschen um mich herum sich „richtig“ oder „falsch“ verhalten oder verhalten haben, ändert nichts an mir und meinem Boot.
Ob ich das „Richtige“ oder „Falsche“ tue oder getan habe, ändert nichts an mir und meinem Boot.

Ich fließe mit dem Fluss, weil es meine Natur ist, eine andere gibt es nicht.
Ich kann die Fahrt weder beschleunigen noch anhalten.

Will ich die Führung eines anderen Bootes übernehmen oder den Menschen über seinen Kurs belehren, handle ich gegen die Natur, trenne mich also von meinem eigenen Boot, und spüre Schmerz.
Fange ich an, meine Fahrt oder die eines anderen Bootes  zu bewerten, spüre ich Schmerz.
Vergleiche ich mein Boot mit anderen, spüre ich Schmerz.
Je mehr ich diesen Gedanken Glauben schenke, desto tiefer wird mein Schmerz.
Ich kann, darf und muss alles und jeden in jedem Moment loslassen. Sträube ich mich dagegen, spüre ich Schmerz.

Die größte Entdeckung in meinem Leben ist, dass es keine Begrenzung gibt. Denn ich bin das Boot genauso wie der Fluss, das Ufer und die anderen Boote.

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Er war Musiker

Er war ein leidenschaftlicher Musiker und Musiklehrer, spielte und lehrte in erster Linie Gitarre und Klarinette.

Als junger Mann hatte er mit seiner Musikkapelle den Sommer über immer für ein paar Monate Engagements in der Schweiz. Die Herren trugen beim Auftritt Anzug und Hemd („Nehmen Sie grün, das hebt“, erzählt er noch heute gerne von der Empfehlung des damaligen Verkäufers mit jiddischem Akzent). Ein schöner Mann, den die Freundinnen seiner Tochter später anhimmeln sollten (was sie ziemlich eifersüchtig machte). Witze erzählt er auch heute noch leidenschaftlich gern, auch wenn wir sie alle schon viele, viele Male gehört haben.

Später war er sehr beliebt bei seinen Schülern an der städtischen Musikschule, von denen ihm einige selbst zum 75. Geburtstag noch ein Ständchen darbrachten, als er längst im Ruhestand war.

Sein Musiktalent hat er mir nicht vererbt, dafür ein bisschen Talent zum Zeichnen und Malen, das er wiederum von seinem Vater mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. „Stell dir vor, den Vater haben sie in den letzten Kriegstagen ’45 noch erschossen“, sagt der Opa, der wie so viele Buben ohne Vater aufwachsen musste. Die Mutter war sehr dominant, als ich klein war hatte ich immer ein bisschen Angst vor ihr, gemocht habe ich sie nie.

Wenn es in seinem Leben an etwas mangelte, dann am ehesten an Durchsetzungskraft, gerne ging er den Weg des geringsten Widerstands.

Heute ist er alt und gebrechlich und seine Instrumente nimmt er schon lange nicht mehr in die Hand.

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Er ging so gern Fischen

Fast jeden Tag fuhr er zum Fluss um zu angeln. Er liebte es am Ufer zu sitzen, in der Natur zu sein, seinen geliebten Hund um sich zu haben.

Er verstand nicht, warum er plötzlich im Pflegeheim eingesperrt sein sollte. Sein Leben lang war er frei, konnte kommen und gehen, wann er wollte.

Zwei Polizeibeamte fanden ihn in einem Gasthaus im Ort. Er setzte sich zur Wehr, als sie ihn wieder zurückbringen wollten. Jetzt ist er im geschlossenen Bereich „Seniorenwohnen für Demenzkranke“.

Es macht mich traurig, wenn ich daran denke.